Zitate

Schach

Aber macht man sich nicht bereits einer beleidigenden Einschränkung schuldig, indem man Schach ein Spiel nennt? Ist es nicht auch eine Wissenschaft, eine Kunst, schwebend zwischen diesen Kategorien wie der Sarg Mohammeds zwischen Himmel und Erde, eine einmalige Bindung aller Gegensatzpaare; uralt und doch ewig neu, mechanisch in der Anlage und doch nur wirksam durch Phantasie, begrenzt in geometrisch starrem Raum und dabei unbegrenzt in seinen Kombinationen, ständig sich entwickelnd und doch steril, ein Denken, das zu nichts führt, eine Mathematik, die nichts errechnet, eine Kunst ohne Werke, eine Architektur ohne Substanz und nichtsdestominder erwiesenermaßen dauerhafter in seinem Sein und Dasein als alle Bücher und Werke, das einzige Spiel, das allen Völkern und allen Zeiten zugehört und von dem niemand weiß, welcher Gott es auf die Erde gebracht, um die Langeweile zu töten, die Sinne zu schärfen, die Seele zu spannen.

Stefan Zweig, Schachnovelle

Geldzeit

Geld ist ein Verfahren des Aufschubs und ermöglicht die Verknüpfung von Kredit und Verpflichtung unter Umständen, wo ein unmittelbarer Produktaustausch unmöglich ist. Das Geld ist, wie wir sagen können, ein Mittel zur Zeitverklammerung und daher ein Mittel, Transaktionen aus ihren spezifischen Austauschumfeldern herauszuheben.

Anthony Giddens, Konsequenzen der Moderne

Finanzorakel

Was sagen Börsenkurse und Zinssätze über die Wirtschaft und ihre Zukunft aus? Auf der einen Seite viel weniger, als all die Analysten und Kommentatoren uns glauben machen wollen. Andererseits sehr viel, wenn die Diagnosen sich als selbsterfüllende Prophezeiungen bewahrheiten. Doch das kann man vorher nicht wissen. Dieser Kommentar fasst es passend zusammen:

Followers of financial market oracles do not think of themselves as superstitious. Rather, they think they are deciphering arcane coded messages. It is a tricky business, with a self-referential twist.

Unordentlicher Shiva

Was die Ereignisse der Welt vorantreibt, was die Geschichte des Universums schreibt, ist das unaufhaltsame sich Mischen aller Dinge, das von den wenigen geordneten Konfigurationen zu den zahllosen ungeordneten voranschreitet. Das gesamte Universium verhält sich wie ein Berg, der sacht in sich zusammenstürzt. Wie eine Struktur, die Schritt um Schritt auseinanderfällt.

Von den geringfügigsten Ereignissen bis zu den komplexesten ist dieser Tanz der wachsenden Entropie, gespeist aus der niedrigen Ausgangsentropie des Kosmos, der wahrhaftige Tanz Shivas des Zerstörers.

Carlo Rovelli, Die Ordnung der Zeit