Archiv der Kategorie: Lebewesen

Menschen ganz allgemein

Ein möglichst allgemeine Charakterisierung von Menschen, an der ich aus mir nicht ganz klaren Gründen schon eine Weile herumschreibe.

Menschen teilen die Zwänge ihrer Existenz, ihre Unterschiede sind im Vergleich dazu gering – an allen Plätzen und zu allen Zeiten. Etwas bedeuten wollen und Wissen vom Tod sind große Gemeinsamkeiten.

Menschen werden gemacht und sind geboren in verblendeten gesellschaftlichen Zusammenhängen, deren Geschichten zugunsten der jeweils bestehenden Machtverhältnisse verzerrt sind. Besessen von  fetischistischen Vorstellungen rund um Sprache, Verwandtschaft, Götter, Geld und so weiter.

Menschen kennen sich selbst nur von innen und die anderen nur von außen. Spekulieren darüber, wie sie selbst von außen und wie die anderen von innen sind. Alle sind immer schon positioniert und bewerten ihrer Geschichte entsprechend.

Gefühle sind wohl älter als Gedanken. Sie sind Wertungen, die ohne Nachdenken auskommen. Erfahrungen, die mit schlechten Gefühlen verbunden sind, bleiben eher in Erinnerung als andere.

Erst war äußere Sprache zwischen den Menschen, die dann zum inneren Dialog wurde und unsere Sorte Bewusstsein erzeugt. Der innere Dialog ist daher ganz sozial und ein bisschen wie das Atmen –  kann gesteuert werden, findet aber meistens einfach so statt.

Wir können unsere Verhältnisse nicht klar erkennen, aber falsche Vorstellungen schon.

Feigheit und Angst

By cowardice I do not mean fear.  Fear is the response of the instinct of self preservation to danger.  It is only morbid, as Aristotle taught, when it is out of proportion to the degree of the danger.  In invincible fear– ‚fear stronger than I am‘– the soldier has to struggle with a flood of emotion; he is made that way.  But fear even when morbid is not cowardice.  That is a label we reserve for something that a man does. What passes through his mind is his own affair.

Lord Moran, The Anatomy of Courage

The Great Transformation

In den vergangenen Wochen habe ich „The Great Transformation“ von Karl Polanyi gelesen.  Das Buch wirkt auf mich wie eine seltsam hin und her ruckelnde Zeitmaschine. Das kommt vor allem daher, dass „freie Märkte“ als Phänomen der Vergangenheit behandelt werden. Das Buch wurde zuerst 1944 veröffentlicht und Polanyi scheint überzeugt, dass die Idee selbstregulierender Märkte auf dem Kehrichthaufen der Geschichte gelandet ist.

Er beschreibt die historisch einmalige Entwicklung der industriellen Gesellschaft in England, die in weniger als 100 Jahren die ganze Welt erfasst und jeden Landstrich mehr oder weniger stark beeinflusst hat. Dabei verfolgt er den Aufstieg der Vorstellung, dass die Wirtschaft ein System sich selbst regulierender Märkte sei, das weitgehend von der Politik getrennt sein sollte. Diese liberale Idee habe die große Transformation zur Marktgesellschaft hin begleitet und sei schon immer eine „krasse Utopie“ gewesen, die sich für Gesellschaften als höchst zerstörerisch erweist.

Arbeit, Boden und Geld werden in der Marktgesellschaft zu Waren erklärt, was sie aber nicht sind, da sie nicht für den Verkauf hergestellt wurden. Daher spricht er von „fiktiven Waren“. Würden diese drei Dinge tatsächlich ausschließlich als Waren behandelt, müsste die Gesellschaft zerrissen und die Umwelt unweigerlich vernichtet werden.

Daher hätten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts die verschiedensten gesellschaftlichen Kräfte immer wieder gegen die Verheerungen der freien Märkte gestemmt und ihre Entwicklung teilweise entscheidend entschleunigt. In den 1930er Jahren sei das internationale Marktsystem aufgrund dieser inneren Spannungen schließlich zerbrochen. Für die Zukunft gibt sich Polanyi durchaus hoffnungsvoll und ist überzeugt, dass das Schlimmste am Zusammenbruch der Marktgesellschaft bereits ausgestanden sei. Mit dem seit den 1970er Jahren einsetzenden Neoliberalismus hat er nicht gerechnet.