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Ist es normal, nur weil alle es tun? Ja.

Die ethnologische Perspektive, die mir viel bedeutet, lässt sich gut zusammenfassen in dem Satz:

Was gilt zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort als normal?

Hier lassen sich mehrere Schichten unterscheiden. Das Thema „Was ist gut, gesund und richtig?“ ist ständig der Gegenstand von Kontroversen innerhalb einer Kultur. Es gibt aber auch Vorstellungen und Handlungsweisen, die so wenig umstritten sind, dass sie praktisch nie oder nur sehr selten zur Debatte stehen. Werden sie thematisiert, hat das schnell etwas Skandalöses, es wird „zu weit“ gegangen. Was sich selbstverständlich und unhinterfragbar anfühlt, tritt bei uns vor allem in der Gestalt der „Natur“ auf. Wenn etwas einfach natürlich ist, ist es normal, gesund und meistens auch gut, und wenn nicht gut, dann zumindest verständlich. So hofft man zu sein.

Genau da sitzt die Ideologie als Natur getarnt, ganz tief verdrahtet und erlernt, Abweichungen von ihr stellen nicht nur abstrakte gedankliche Herausforderungen da, sie rufen oft direkt Angst und Ekel hervor. „Nicht normal zu sein“ ist eine absolute Horrorvorstellung in unserer Kultur – obwohl wir die absolute Einzigartigkeit jedes Individuums über alles schätzen.

Wir wollen sehr individuell und eigenständig unverwechselbar sein, aber innerhalb eines abgesteckten Korridors der Normalität. Niemand will „abnormal“ sein, das klingt nach Perversion, Wucherung und Wahnsinn. Gleichzeitig gilt bei vielen „ganz normal“ auch als langweilig und vermeidenswert. Der Korridor ist breit heutzutage, hat aber klare Grenzen.

Zeithorizonte

Perception gives us an ability to probe distance and gain the time needed for intelligent reactions to ongoing events. Perception applies only to the immediate future, generally less than one second ahead in time. Its time frame is one of anticipation, while in conceptual events the present is read from the past in order to enable prediction and planning of the future. This difference in time frames supports a distinction between percept, and conscious conceptual activity.

Peter Harries-Jones, Upside-Down Gods. Gregory Bateson’s World of Difference.

Mich faszinieren die verschiedenen Zeithorizonte, in die sich der psychische Apparat mehr oder weniger scharf einteilen lässt. Wenn es um Wahrnehmung geht, sollte man sich jedoch nicht zu sehr in der Entweder/Oder-Falle der Frage „Nehmen wir die Welt passiv wahr oder greifen wir aktiv in sie hinein?“ winden, denn natürlich ist beides der Fall und je nach Anlass der eine oder der andere Aspekt mehr oder weniger ausgeprägt. Nichtsdestotrotz erscheint mir das obige Zitat die passive Seite etwas überzubetonen, denn auch die kurzfristigste Wahrnehmung ist ein gewachsener Prozess und von Gelerntem und Gewohntem geformt. Möglicherweise gibt die Arbeit von Jonardon Ganeri dazu mehr Aufschluss.

Unendlich viel komplizierter wird es mit der Wahrnehmung, wenn noch die Interaktion mit verschiedenen Zeithorizonten hinzugerechnet wird. Trifft die These von Rainald Goetz zur Erinnerungsfähigkeit interaktiver Systeme zu, müssen die Rangverhältnisse wirklich im Takt weniger Minuten auf irgendeiner Ebene bestätigt werden? Orientiert man sich an Primatologen wie Sapolsky oder de Waal, scheint das tatsächlich der Fall zu sein. Aber auf die konkreten Zeitfenster habe ich in meinen alltäglichen Beobachtungen noch nicht geachtet.